Hallo Essen – eine erste Kontaktaufnahme

Verfasst von am 20. März 2017 in Körper-Geist-Seele

Wie funktioniert das eigentlich? Ernährung. Es gibt Frühstück, Mittagessen, Abendessen. Dazwischen vielleicht ein paar Snacks und vor dem Schlafengehen noch ein kleines Betthupferl. Expert_innen, Ernährungspyramiden, Freunde und sonstige Gurus erzählen mir, was ich wann essen soll, mit welcher Temperatur und in welcher Reihenfolge. Im Supermarkt habe ich dann – je nach Jahreszeit – die Wahl zwischen heimischen oder spanischen Käfig- oder Freilandtomaten, gutem alten Kolonialkaffee aus Übersee, bio-fair-entkoffeiniertem Getreidepulver aus Deutschland und so weiter und so fort. Und wenn‘s gut läuft fühle ich mich am Ende des Tages einigermaßen wohl, zufrieden und genährt.

Wellenreiten

Oder ich versuche mein Bedürfnis nach Nahrung bewusster zu erleben. Dabei kann ein Blick in die Gestalt-Theorie helfen. Hier gibt es ein Modell, das den zyklischen Ablauf vom Auftreten bis zur Befriedigung eines Bedürfnisses beschreibt – die sogenannte Gestaltwelle.

Das kann dann zum Beispiel so aussehen:

1 – Entstehung eines Bedürfnisses: Ich habe ein unbestimmtes Gefühl. Noch ist nicht klar was es ist, doch irgendetwas brauche ich. Vielleicht spüre ich es als Unruhe, Unwohlsein oder Wunsch nach Veränderung.

2 – Identifikation des Bedürfnisses: Ich identifiziere das Gefühl als Hunger oder Lust auf etwas zu Essen oder zu Trinken. Es konkretisiert sich langsam mehr und mehr. Geschmack, Geruch, Konsistenz, Form, Farbe, enthaltene Nährstoffe werden allmählich spürbarer.

3 – Kontakt mit der Umwelt: Ich schaue mich um, erinnere mich vielleicht. Wo finde ich das? Im Kühlschrank? In der Vorratskammer? Kann ich es mir selbst zubereiten oder muss ich los, es irgendwo besorgen?

4 – Anpassung der Umwelt: Ich tue, was nötig ist. Koche, schmiere oder hole es mir. Schaue es mir an, spüre nach und bin mir sicher: Das ist es! Beiße hinein, kaue, nehme einen Löffel oder trinke einen kräftigen Schluck.

5 – Assimilation: Ich schmecke, nehme mit allen Sinnen auf und genieße. Folge dem, was ich da gerade zu mir genommen habe auf dem Weg in meinen Körper. Vom Mund über die Speiseröhre in den Magen und weiter in den Darm. Mehr und mehr wird es auf diesem Weg aufgebrochen und in seine einzelnen Moleküle und Nährstoffe zerlegt. Schließlich aufgenommen und über das Blut im gesamten Körper verteilt. Bis in die letzte Zelle im letzten Winkel von der Schädeldecke bis zum großen Zeh…kann ich es wahrnehmen?

6 – befriedigt? Ich spüre im gesamten Körper nach. War es das, was ich brauchte? Tut es mir gut? Fühlt sich mein Körper gut an? Und ich erweitere mein Bewusstsein auf mein gesamtes System. Wie geht es mir jetzt? Wie fühle ich mich? Welche Gedanken, Bilder, Phantasien tauchen auf? Ich spüre, dass ich befriedigt bin oder noch etwas (anderes) brauche.

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Quelle: http://www.gestalt.de/blankertz_gestalttypen_indikator_gti.html

Neben dem Beispiel der Nahrungsaufnahme gilt dieses Modell für alle Formen von Bedürfnissen und Wünschen auf allen Ebenen. Bedürfnisse nach Luft, Sicherheit, Nähe, Autonomie, Sinn, Wertschätzung, Spiel, Schönheit, Harmonie – die Liste ist unendlich lang und unendlich individuell. Allen gemein ist ihr Verlauf vom Auftreten bis zur Erfüllung.

Allgemein gilt auch, dass in jeder Phase der Welle etwas schief gehen kann

Der oben dargestellte Verlauf der Gestaltwelle am Beispiel Essen ist idealtypisch. In der Praxis erlebe ich vielleicht eine oder mehrere Phasen nicht bewusst oder überspringe sie. Hierfür ein paar Beispiele:

1 – Entstehung eines Bedürfnisses: Ich übergehe das Unruhegefühl, schiebe es weg und beschäftige mich nicht weiter damit. Ich gehe dem Wunsch nach Veränderung nicht weiter nach oder lenke mich ab. Vielleicht weil ich den status quo beibehalten und meine Ruhe nicht stören lassen möchte. Vielleicht weil ich ahne, dass eine Befriedigung konfliktreich werden könnte.

2 – Identifikation des Bedürfnisses: Ich bin nicht in der Lage, das Bedürfnis klar zu erkennen – vielleicht, weil es mir zum ersten Mal begegnet. Oder ich verwechsle das Bedürfnis, weil es einem anderen ähnelt. Vielleicht denke ich, ich habe Hunger, doch eigentlich brauche ich Ruhe – beidem liegt ein Energiemangel zugrunde. Vielleicht möchte ich es nicht näher wissen, weil ich Konfliktpotential oder Ruhestörung ahne.

3 – Kontakt mit der Umwelt: Vielleicht schenke ich meiner Umgebung nicht genügend Aufmerksamkeit, um die Wege zu sehen, die mein Bedürfnis befriedigen würden. Vielleicht richte ich meine Aufmerksamkeit auf ein Objekt, das mir momentan nicht zur Verfügung steht. Vielleicht erlaube ich es mir nicht, einen Weg der Bedürfnisbefriedigung als solchen anzuerkennen. Vielleicht bringe ich mein Anliegen nicht in Kontakt mit den Menschen um mich, die mir vielleicht weiterhelfen könnten.

4 – Anpassung der Umwelt: Vielleicht halte ich mich zurück das zu tun, was nötig wäre, um mein Bedürfnis zu befriedigen. Vielleicht habe ich Glaubenssätze, die mich daran hindern – denke z.B. das könnte unangebracht oder unpassend sein. Vielleicht möchte ich die Harmonie nicht stören. Oder ich schlage – im übertragenen Sinne – blind und nicht zielgerichtet um mich und unterstelle, nicht zu bekommen, was ich brauche.

5 – Assimilation: Vielleicht nehme ich nicht richtig auf, verdaue nicht richtig und werde so nicht richtig satt. Was ich zu mir genommen habe, liegt schwer im Magen oder rutscht einfach durch, ohne verdaut zu werden. Vielleicht nehme ich mir nicht die Zeit das, was ich zur Befriedigung getan habe, mir wirklich zu eigen zu machen. Ergebnis ist oft eine Gier nach mehr oder ein Ekelgefühl.

6 – befriedigt? Vielleicht nehme ich das befriedigende Gefühl nicht voll wahr. Vielleicht weil ich darüber hinweg gehe aus Scham, Hast oder Schuld. Vielleicht kann ich die Befriedigung nicht voll zulassen, weil ich lustfeindliche Werte in mir trage. Vielleicht nehme ich mir auch schlicht nicht die Zeit.

Wahrnehmung und bewusstes Erleben können mir helfen, Probleme mit den verschiedenen Phasen zu überkommen

Wenn ich – bezogen auf unterschiedliche Bedürfnisse – verschiedene Phasen auf Dauer unbewusst erleben oder übergehen, können sich Symptome einstellen. Schon angesprochen habe ich die Gier nach mehr oder das Ekelgefühl vor dem Zu-mir-genommenen. Vielleicht stellt sich auch eine latente Unzufriedenheit ein, wenn ich das eigentliche Bedürfnis nicht spüre oder es nicht schaffe, es richtig zu befriedigen. Vielleicht werde ich traurig oder gereizt, weil ich so nicht gut für mich sorge. Ein bewusstes Erleben des Verlaufs der Bedürfnisentstehung und -befriedigung kann meine Wahrnehmung für diese Prozesse schärfen und die Entstehung von Symptomen verhindern.

Auch hierfür ein paar Beispiele für jede Phase:

1 – Entstehung eines Bedürfnisses: Schenke ich jedem Augenblick meine volle Aufmerksamkeit, spüre ich das auftretende Unruhegefühl besser. Nun kann es helfen, nicht darüber hinweg zu gehen. Oder – wenn ich mich dem Gefühl gerade nicht widmen kann – mich ihm später bewusst zuzuwenden.

2 – Identifikation des Bedürfnisses: Ich halte inne und nehme mir die Zeit, das aufkeimende Bedürfnis zu spüren. Kenne ich es oder fühlt es sich neu oder anders an? Falls es sich anders anfühlt – kommt mir eine Idee was es sein könnte? Vielleicht hilft nun experimentieren und beim Nachspüren in Phase 6 mir zu merken: Das war‘s! Oder: Das war‘s nicht!

3 – Kontakt mit der Umwelt: Ich nehme meine Umgebung genau wahr und suche bewusst nach Wegen, mein Bedürfnis zu befriedigen. Höre dabei im Kontakt mit meinem Bedürfnis auf meine innere Stimme, die mir vielleicht Hinweise gibt, ob dieser oder jener ein geeigneter Weg sein könnte. Bringe ich mein Anliegen in Kontakt mit den Menschen in meiner Umgebung? Auch kann es helfen, Glaubenssätze zu überprüfen, die mich vielleicht daran hindern, einen möglichen Weg als solchen zu erkennen.

4 – Anpassung der Umwelt: Im Tun habe ich die Möglichkeit innezuhalten und zu spüren: Handle ich wirklich zielgerichtet oder am Bedürfnis vorbei? Deformiert sich mein Handeln – z.B. weil ich andere nicht stören möchte – so sehr, dass es mein Bedürfnis nicht mehr befriedigt? Und auch hier wieder: bringe ich mein Anliegen wirklich in Kontakt mit meiner Umgebung? Wie steht es um meine Glaubenssätze?

5 – Assimilation: Nehme ich in Ruhe zu mir, was ich getan habe, kann ich es mir leichter zu eigen machen. Ich kann auswählen, was ich bei mir behalten möchte und was nicht (beim Essen macht das der Körper automatisch, wenn‘s ihm wirklich nicht gut bekommt). Ich kann prüfen, ob es mir guttut und ob ich jetzt oder in Zukunft mehr davon haben möchte.

6 – befriedigt? Durch bewusstes Nachspüren komme ich in Kontakt mit der Befriedigung – oder zu dem Schluss, dass ich nicht befriedigt bin. Wahrscheinlich, weil etwas in den vorherigen Phasen schief gelaufen ist. Falls lustfeindliche Gedanken oder Gefühle auftreten, kann ich sie mir behutsam anschauen und ihnen auf den Grund gehen. Vielleicht fällt es mir beim nächsten Mal schon leichter, die Befriedigung zu spüren.

Und nun zu dir.

Wie erlebst du die Gestaltwelle in Aktion? In deinem Alltag? Bezogen auf Nahrung oder auf andere Bedürfnisse. Fällt es dir leicht, ihren Verlauf zu spüren und nachzuvollziehen? Oder merkst du, dass es hin und wieder hakt?

Fällt es dir manchmal schwer zu finden, worauf du Hunger oder Durst hast? Zum Beispiel, weil es in deiner Umgebung keine Möglichkeit gibt, nach deinen Vorstellungen und Prinzipien einzukaufen oder einfach kein Restaurant das Reiscurry so gut macht wie die kleine Garküche damals in Kolkata?

Kennst du Momente, in denen du dich ganz satt und zufrieden fühlst – oder unbefriedigt, obwohl du dachtest, das zu dir genommen zu haben, worauf du Appetit hattest? Sei es beim Essen oder einem ganz anderen Bedürfnis.

Nutze die Kommentarfunktion und teile deine Erfahrungen gerne mit uns. Wir sind gespannt auf den entstehenden Austausch.

 

Fortsetzung:
In Teil 2 „Dem Popeye sein Spinat“  geht es darum, wie eine bewusst erlebte und auf die individuellen Bedürfnisse zugeschnittene Ernährung das Wohlbefinden fördert und Energien freisetzt.
Im dritten Teil „Gut zu wissen….oder?“ wollen wir die Kopfebene mehr in das Thema mit einbeziehen. Wie spielt das was wir über unser Essen wissen, in unsere Ernährung mit hinein?

 

In der Heldenreise geht es auch immer wieder darum, in den Moment hineinzuspüren und wahrzunehmen, was ich gerade brauche. Das allein schult die Fähigkeit enorm, gut für mich und meine Bedürfnisse zu sorgen. Interessiert? Hier findest du alle aktuellen Termine.

 

Wenn du mehr zum Thema lesen möchtest:

Erhard Doubrawa und Stefan Blankertz – Einladung zur Gestalttherapie

Frank-M. Staemmler und Werner Bock – Ganzheitliche Veränderung in der Gestalttherapie

 

 

Zum Autor: Marius Küpper
zertifizierter Heldenreiseleiter nach Paul Rebillot, Heilpraktiker i.A., Biomediziner (MSc)
Marius Küpper
wohnt in Berlin und arbeitet als Seminarleiter für Heldenreisen und das Enneagramm, sowie als persönlicher Assistent für Rollstuhlfahrer. Er beschäftigt sich u.a. damit, wie unserer Ernährung unsere Ganzheit beeinflusst. Nicht nur das, was wir essen, sondern auch wie wir das tun und welche Aufmerksamkeit wir dem gesamten Prozess schenken, hat  Auswirkungen auf unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden. In seinem Studium der Molekularen Biowissenschaft lernte er insbesondere die physiologische Wirkung unserer Nahrung auf unseren Körper kennen. Nun erweitert er diese Perspektive um das Mitspiel unserer Seele und unseres Geistes.

Headerbild: copyright Liz Cook Charts, www.lebenswurzeln.de

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