Der Tod und das Leben davor – Gespräch mit Oliver Fratzke und Willi Kiechle

Verfasst von am 31. Mai 2016 in Seminare

Oliver Fratzke und Willi KiechleIm zweiten Teil meines Gesprächs mit Oliver Fratzke und Willi Kiechle vom Heldenweg-Institut geht es besonders um ihre eigene Begegnung mit dem Tod im Rahmen von Paul Rebillots Seminar „Tod und Auferstehung“.

Es war für beide eine intensive Erfahrung, mit einigen Überraschungen. Wie schon im ersten Teil des Gesprächs bin ich beeindruckt von der Tiefe der Erfahrung die beide vermitteln und ihrer Offenheit diese zu teilen. Im November 2016 leiten Oliver und Willi das Seminar „Tod und Auferstehung“ beim Heldenweg Institut gemeinsam.


Stefanie: Was hat die Begegnung mit dem Tod mit Euch gemacht?

Oliver: Für mich hat es sehr viel mit einer Lebenssituation zu tun gehabt, in die ich hineingewachsen bin, nämlich die Vaterrolle. Damit kamen ganz viele Vorstellungen und Ängste in Bezug auf Sterben und Tod bei mir auf. Die Angst hat sich sehr real angefühlt.

Während des Seminars, in meinem eigenen Prozess, habe ich es als sehr befreiend erlebt mit dem Sterben alles gehen zu lassen, nichts mehr kontrollieren zu können. Ich habe mich nicht mehr in der Rolle gesehen, Risiken zu minimieren und die Sicherheit zu erhöhen, um meine Angst nicht fühlen zu müssen. Als ich gemerkt habe, dass ich nicht derjenige bin, der alles in der Hand hat und mich diesem „Nicht in der Hand Haben“ ganz gestellt habe, da ist etwas passiert bei mir. Es ist ganz viel Last abgefallen und auf einmal sind wieder Dinge ins Fließen gekommen. Ich habe viel mehr Vertrauen ins Leben gefunden, das war ein ganz wesentlicher Punkt.

In letzter Instanz bin es nicht ich, der alle Fäden in der Hand halten muss, sondern ich erlaube mir zu erkennen, dass ich zwar kurzfristig das Gefühl haben kann alles unter Kontrolle zu haben, aber es letztlich nicht stimmt. Und an den Punkt bin ich nicht so leicht gekommen. Es war immer noch ein Teil in mir da, der gesagt hat „Nein, das geht doch nicht, ich kann das doch nicht loslassen!“ Erst als ich dann loslassen konnte, genau in dem Moment – es war eine Art Engpass – da hat sich etwas verändert: mein Blick auf die Welt, mein Gefühl und eben auch das Vertrauen in das was da ist.

Willi: Für mich ist es sehr berührend wie Du das beschreibst.

Dieser mutige Schritt sich dem Sterben hinzugeben, der eine Fähigkeit beinhaltet sich dem Leben ganz hinzugeben.

Und dabei kann ganz viel passieren, da könnte ich auch ganz viel erzählen. Für mich am überraschendsten im Seminar war, als ich gemerkt habe, dass ich auch sehr viele Anhaftungen an die Zukunft hatte.

Da gibt es bei „Tod und Auferstehung“ ein Sequenz, da verabschiedest du dich von den wichtigsten Menschen in deinem Leben. Und dann habe ich meine wichtigen Familienangehörigen und meine Partnerin ausgesucht und dachte das sind die Wichtigsten. Dann habe ich mich gefragt, wen ich noch dazu nehme und noch einen guten Freund dazu genommen, weil mir nichts anderes einfiel. Und dann habe ich mich von meinen Familienmitgliedern und meiner Partnerin verabschiedet, mich bedankt, gesagt was gut war, ein bisschen Ärger ausgedrückt und es war alles relativ stimmig und gut. Und dann kam mein Freund an die Reihe – und überraschenderweise war das der intensivste Prozess. Ich habe Rotz und Wasser geheult und bin durch ein richtiges Gefühlsbad gegangen, bis ich dann verstanden habe was passiert: auf diesen Freund hatte ich eine Projektion, dass ich ihn bewundere. Und in mir war die Hoffnung, dass ich irgendwann auch einmal so sein werde wie er. Das loszulassen war schmerzhaft. Es gab ein Zukunftsbild von mir, das ich auf ihn gelegt habe. Und als ich durch diesen Prozess durch war, kam ein klares „Jetzt! Ich!“

Oliver: Und es scheint Dich auch jetzt gerade zu berühren, das ist schön. Wenn ich Dir zuhöre und Dich in der Intensität mit der Du das erzählst erlebe, dann erinnere ich mich auch an Momente, in denen ich wieder mit Leidenschaften in Verbindung gekommen bin, die eine Zeit lang gar nicht mehr spürbar waren. Auf einmal kam dann in der Verabschiedung wieder zu Tage, wie wichtig mir das einmal war. Es war meine Leidenschaft für Windsurfen. Das ist etwas, was ich seit meiner Kindheit mache und es war mir immer ganz viel wert. Und irgendwann in meinem Leben ist es ganz weit weg gerückt. Aber ich habe mich im Prozess wieder daran erinnert, dass mir das sehr wichtig ist. Und dann habe ich reingespürt in der Verabschiedung:

Ich gehe das letzte Mal aufs Wasser und verbinde mich noch ein letztes Mal mit diesem Gefühl, das für mich viel mit Ekstase, Glück, mit Leben und Lebendigkeit zu tun hat. Und auf einmal war das wieder spürbar. diese Lebendigkeit, die Gischt, die mir ins Gesicht spritzt, Sonne – all die Dinge, die ich erlebt habe. Das zum letzten Mal zu machen, die Freude darüber es wiederentdeckt zu haben und gleichzeitig die Trauer darüber, dass ich mich davon verabschiede. Das war in dem Moment unfassbar.

Es gehen zu lassen, in dem Moment als ich es wiederentdeckt habe, war ein sehr intensives Erlebnis.

Stefanie: Ist eine besondere Qualität des Seminars, dass es Überraschungen bereit hält?

Willi: Das hängt mit dem Thema zusammen. Letztlich wissen wir nicht was passiert wenn wir sterben. Es gibt Leute, die Berichte davon abgeben, aber letztlich ist es das große Abenteuer des Menschen, was passiert wenn wir den letzten Atemzug tun. Und das Seminar ermöglicht sich dem in einer gewissen Tiefe anzunähern – bis zum letzten Atemzug.

Stefanie: Wie ist die Stimmung im Seminar?

Willi: Wie am Totenbett. Ich kann mich an Szenen erinnern, wo gelacht wird am Totenbett und an Szenen wo eine intensive, berührende Begegnung stattfindet. Es entsteht eine Öffnung wo sich Menschen wirklich begegnen in ihrem mehr und mehr nackten so-sein. Und es kann auch ganz viel Trauer, ganz viel Schmerz sein beim Verabschieden. Es hat eine hohe Intensität.

Oliver: Die Bandbreite an Gefühlen ist nicht begrenzt, es ist sehr intensiv.

Stefanie: Was ist in Eurem Leben anders geworden durch die Erfahrung im Seminar?

Willi: Direkt nach dem Seminar habe ich einiges in meinem Leben verändert. Dinge, die mir nicht so wichtig waren sein gelassen, Dinge gelebt, die mir wichtig sind und neue Bahnen eingeschlagen. Das ist jetzt schon lange her und wir sind ja Gewohnheitsmenschen… Was bei mir aber geblieben ist, ist eine Wachheit und ein Hinterfragen. Ich frage mich ob das, was ich gerade lebe, die Zeit wert ist, denn das Leben ist kostbar. Oder kann ich meine Zeit lebendiger und besser nutzen? Das ist für mich eine wichtige Frage – und ich glaube es ist für viele Menschen wichtig. Wir leben im Zeitalter der Informationsgesellschaft und ständig sehen wir irgendeinen Bildschirm, der unsere Aufmerksamkeit auf sich zieht. In unserer Gesellschaft schwimmen wir oft einfach mit und es braucht dann eine innere Verbundenheit mit mir selbst, um zu merken was mir wirklich wichtig ist. Und diese innere Verbundenheit wünsche ich auch den Teilnehmern, die zu uns ins Seminar kommen. Bei all den Ablenkungen in unserer Welt ist die Gefahr, dass das Leben etwas oberflächlicher und seichter wird. Da hilft es zu hinterfragen: Was will ich wirklich leben? Womit will ich meine Zeit verbringen? Wie sollen meine Kontakte aussehen, damit es mich glücklich macht? Und dem treu zu bleiben.

Oliver: Ich finde, Du hast das sehr schön beschrieben. Ich lebe mein Leben seit dem Seminar viel bewusster, nehme Dinge bewusster wahr. Das bedeutet, ähnlich wie Du Willi es gerade beschrieben hast, dass ich mir häufig die Frage stelle „Was will ich und was will ich nicht?“ Und mir auch klarmache, dass die Lebenszeit nicht unbegrenzt ist. Wie ich mit meiner Zeit umgehen will, dass steht im Vordergrund. Mit welchen Dingen will ich mich beschäftigen und mit welchen nicht.

Es hat mehr Vitalität in mein Leben gebracht und die größere Bewusstheit hat mir viele Entscheidungen leichter gemacht. Dazu gehört auch, mich gegen etwas zu entscheiden.

Willi: „Tod und Auferstehung“ bringt einen ganz in die „Hier und Jetzt“ Erfahrung, das kann sehr kraftvoll sein. Eckehardt Tolle hat ein berühmtes Buch darüber geschrieben „Jetzt! Die Kraft der Gegenwart“ – es geht um den Zustand ganz da zu sein. Und aus dem entfaltet sich dann, was mir in meinem Leben wichtig ist.

Es gibt ein Zen-Koan, das mich jedes Mal wieder zutiefst berührt. Zen-Koans sind kurze Geschichten oder Sentenzen, die sich meist nicht mit dem Verstand lösen lassen. Man muss auf eine andere Bewusstseinsebene gehen um sie wirklich zu durchdringen. Das Koan heißt:

Jeder Tag ist ein guter Tag.

Und die Geschichte dazu ist: Ein alter, ehrwürdiger Zen-Meister liegt auf dem Totenbett. Einer seiner Schüler kommt zu ihm und sagt: „Jetzt sag mal ehrlich, ich weiß Du hast nicht mehr lang, wie fühlt sich denn das wirklich an?“ Und der Zen-Meister sagt:

„Jeder Tag ist ein guter Tag.“

Auch der Tag, an dem er stirbt ist ein guter Tag. Um diesen Bewusstseinszustand zu haben, da muss schon viel Auseinandersetzung mit dem Tod passiert sein.


Auf den Seiten des Heldenweg-Institutes findet Ihr Informationen über das Paul Rebillot Seminar „Tod und Auferstehung“ und die aktuellen Termine.

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